Jenny Odell, Zeit finden

Buchbesprechung

Von meinen Großeltern kenne ich noch den Ausdruck „das dauert eine Kerzenlänge“. Nach der Lektüre von „Zeit finden“ habe ich eine andere Art der Zeitmessung ausprobiert. Meine Zeitmesser waren ein paar übrig gebliebene Christbaumkerzen, mein Vorhaben: Ich arbeite nur so lange an einer bestimmten Aufgabe, bis eine Kerze heruntergebrannt ist (nachträglich festgestellte Brenndauer: eine gute Stunde). Mein Ergebnis: mehr Fokus, bessere Pausen.

Zeit-Geschichte

Unsere Gesellschaft ist überwiegend durchgetaktet, Zeit spielt eine große Rolle. Doch wie hat sich dieses Gefühl, das oft mit Stress verbunden ist, überhaupt entwickelt? Die Autorin Jenny Odell geht der Geschichte auf den Grund und findet eine sehr enge Beziehung zwischen Zeitmessung und Kapitalismus. Zeit und Geld wachsen zusammen, Fließbänder takten die Arbeitszeit und je mehr Zeit Arbeitnehmende am Arbeitsplatz verbringen, desto mehr Profit für die Unternehmen.

Sie berichtet unter anderem von der lebhaften Diskussion aufgrund der geplanten Einführung einer automatisierten Arbeitszeitdokumentation für Wissenschaftler eines Labors. Was kauft ein Unternehmen, wenn es jemanden anstellt? Ein Ergebnis? Die geleistete Arbeit? Einen Abschnitt der Lebenszeit mit der Erlaubnis, damit zu machen, was es will? Filmtipp: Schauen Sie mal wieder „Modern Times“ mit Charlie Chaplin und googeln Sie dann die Tools, um Arbeitszeit im Homeoffice zu tracken.

Zeit zusammenbringen

Internationale Teams kennen die Herausforderungen, die mit Zeitverschiebungen verbunden sind. Wenn Zeitanzeiger wie Glocken oder Rufe aber nur für in Hörweite befindliche Menschen gelten (wie in manchen indigenen Kulturen), ist einen Schritt weiter die Zeit eine andere. Die Uhr erwies sich daher als wunderbares Hilfsmittel, um unterschiedliche Zeiten in den Kolonien des 19. Jahrhunderts zusammenzubringen und unter einen Takt zu stellen. 7 Uhr: Arbeitsbeginn. 12 Uhr: Mittagszeit.

Die Mittagszeit kann aber auch dadurch bestimmt werden, dass das Team an Energie verliert. Der Zeitmesser ist das Energieniveau der Gruppe, die Pause beginnt vielleicht schon um 11.30 Uhr, vielleicht erst um 13.17 Uhr. In meinem eigenen Zeitexperiment war neben der Kerze auch der Energie-Zeitmesser enthalten. Der Tag wurde insgesamt entspannter, als er nicht mehr an die Uhr gebunden war. Und doch ist es natürlich keine dauerhafte Möglichkeit, in Mitteleuropa und mit weltweiter Vernetzung zu arbeiten und mit anderen zu interagieren.

Was gut funktioniert: weniger Druck!

Der zeitweilige Verzicht auf die Festlegung einer Zeitspanne mittels Uhr und Kalender kann stressmindernd wirken, sofern man nicht innerlich beides trotzdem mitlaufen lässt. Wer den Verlauf von Tätigkeiten und das Erreichen von Ergebnissen nicht nach der Uhr terminiert, kann sich einen Zeit-Raum verschaffen, in dem sich mehr Möglichkeiten als zuvor ergeben können. Das Gespür für den Rhythmus muss sich erst wieder entwickeln und man wird anfangs vielleicht daneben liegen. Mit etwas Übung wirft man aber manches nicht zu früh über Bord und ergreift häufiger den richtigen Moment.

Ihre Gudula Buzmann

Und ein weiterer Buchtipp aus unserem Newsletter (April 2023): Teresa Bücker, Alle_Zeit

 

Jenny Odell, Zeit finden.
Jenseits des durchgetakteten Lebens
Gebunden
Verlag C.H.Beck
ISBN 978-3-406-80770-1

Buchcover Formbewusstsein

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