Immer mehr Aufgaben
Notaufnahmen mit zu vielen Erkältungspatient*innen reagieren bereits entsprechend, Handwerksbetriebe schließen sich zusammen, um dem lernenden Nachwuchs erst einmal Schreiben und Rechnen beizubringen. Wenn Aufgaben umverteilt werden, weil sie an der ursprünglich vorgesehenen Stelle nicht mehr erledigt werden (können) oder die Nachfrage einen vermeintlich bequemeren Weg geht, kippt das Gefüge. Es muss entweder aufwändig geschützt werden (Gesetze, Verordnungen, Regeln der Branche) oder das Geschäftsmodell muss sich quasi neu erfinden, um nicht aufgrund von Überlastung bei den eigenen Kernaufgaben zu versagen.
Und die Kulturbranche im weitesten Sinne? Sie ist von Kürzungen öffentlicher Gelder betroffen, von Mängeln bei schulischen Grundlagen (über dessen Ursachen hier nicht diskutiert werden soll) und von allgemeiner Eventisierung. Wechselnd landen Anfragen nach kostenlosen oder zumindest kostenreduzierten Leistungen bei denen, die eigentlich vom Ertrag ihrer Arbeit leben müssen: denen, die schreiben, denen die verlegen, und denen, die die Vielfalt am point of sale präsentieren.
Nur: Leider funktioniert der Zusammenhang zwischen kostenloser Leistung und Ertrag aus regulärem Verkauf nicht mehr. Im schlimmsten Fall signiert der Autor eine Postkarte, im etwas besseren Fall mitgebrachte ältere Titel aus seiner Feder. Eigentlich war Werbung mal Aufgabe des entsprechenden Verlags, der Autorinnen und Autoren angemessen honorierte und trotzdem noch für ein gutes Lektorat sorgte. Social-Media-Starautorinnen thematisieren inzwischen ihre eigene Nähe zum Burnout.
Im Handel bespaßt die Buchhandlung über 500 Schülerinnen und Schüler bei Welttag-des-Buches-Aktionen im Rahmen der Leseförderung – und verkauft nur 10 Bücher vom passenden Büchertisch (und nein, auch der Umsatz der übrigen Sortimentsteile ist nicht gestiegen). Eigentlich sollte Leseförderung in diesem Ausmaß als öffentlicher Auftrag verstanden werden, den man, so man ihn an privatwirtschaftlich geführte Unternehmen delegiert, honoriert oder subventioniert.
Also müssen wir die Geschäftsmodelle neu erfinden: neue Vertriebswege mit weniger Kosten, andere Produkteverkaufen, Dienstleistungen bepreisen – und vor allem müssen wir erkennen, wenn wir selbst ausgenutzt werden oder andere ausnutzen. Wenn Sie das nächste Mal den befreundeten Physiotherapeuten beim privaten Grillabend um Rat fragen, bitten Sie ihn, Ihnen eine private Rechnung zu schicken, denn das sei nur fair.